Zwänge heilen – Fallbeispiel – Basicreihe 8

Weiter geht es mit der Basic-Reihe zum Thema Zwänge. Heute schauen wir uns ein konkretes Fallbeispiel zum Thema Zwangsgedanken an.

Die Krux und Ursache bei Zwangsgedanken

Zwangsgedanken funktionieren genau so, dass sie sich die Themen rauspicken mit denen wir emotional das größte Problem haben, damit wir auf sie aufmerksam werden und die Gefühle und die damit verbundene Kraft wieder in unserem Leben integrieren. Deswegen kannst du sie auch rational durch denken nicht lösen.  

Vielleicht denkst du jetzt: „Na toll – also bin ich wirklich ein Mörder/ Vergewaltiger/ hier beliebiges Zwangsgedankenthema einsetzen?!“ Ich kann dich beruhigen – nein! Der Inhalt deiner Zwangsgedanken ist komplett getrennt von dir zu betrachten. Es geht rein um das Gefühl, das in den Gedanken vertreten wird z.B. Wut, Angst, sexuelle Lust/ Phantasien, Unsicherheit, Scham, Ekel, usw.

Fallbeispiel:

Ein Beispiel, das mir sehr oft als Nachricht über meinen Blog „gedankenflickflack“ geschickt wurde, ist das von Erzieherinnen mit Zwangsgedanken. Sie hatten alle ein recht ähnliches Profil – total freundlich, lieben ihren Job und die Arbeit mit den Kindern, wollen niemandem einen Schaden zufügen. Sie schilderten alle etwas Ähnliches: Sie haben Zwangsgedanken sexuelle Natur, dass sie den Kindern etwas antun könnten. Sie erschrecken sich davor die Kontrolle zu verlieren, wenn sie alleine mit den Kindern sind. Sie schämen sich so davor, dass sie sich nicht trauen jemandem davon zu erzählen, weil sie Angst haben dann wirklich ihren Job zu verlieren und wenn diese “böse Seite” herauskommen würde.

Der Mechanismus dahinter

Schauen wir uns den Mechanismus dieses Zwangs mal etwas genauer an: Den Erziehern bringt es nichts sich rational im Kopf zu sagen, dass sie doch nicht pädophil sein. Das liegt daran, dass das Ganze nicht auf einer rationalen Ebene entsteht. Wenn nur der Gedanke, dass Problem wäre, wären alle Menschen, die mit Zwängen zu tun haben von heute auf morgen geheilt. In Wahrheit geht es bei Zwängen aber nicht nur um das Verstehen, dass es eben „nur ein Gedanke ist“, sondern auch darum die emotionale und körperliche Ebene, die dabei anspringt zu lösen.

In solchen Momenten frage ich in meinen Coachings immer: „Was für ein Gefühl löst denn der Gedanke bei dir aus, dass du z.B. böse oder aggressiv sein könntest?“

Nach einem ersten verwunderten Blick über diese Frage bekomme ich vor allem im beschriebenen Szenario meistens die Antwort: „Ich würde mich schämen… und hätte Angst ausgestoßen zu werden…“

„Okay und was für ein Gefühl löst es in dir aus ausgestoßen zu werden?“

„Ich würde mich wie ein Monster fühlen! Alleine und verlassen! Und ich hätte Angst eine Straftat zu begehen obwohl ich es doch gar nicht will!“

„Und was für ein Gefühl verbindest du damit, dass du ein Monster sein könntest oder eine Straftat begehen könnest?“

„Ich fühle mich so ausgeliefert als ob ich mir nicht trauen könnte. Ich habe Angst einen Fehler zu machen und dann allein zu sein und meinen Job zu verlieren.“

 „Okay und was für ein Gefühl bekommst du, wenn du deinen Job verlieren würdest?“

„Ich hätte Angst, dass ich selber schuld daran bin und ich nicht mehr akzeptiert werden würde in der Gesellschaft!“

Allein aus dieser immer gleichen Frage habe ich unglaublich viele Antworten bekommen die gar nichts mit dem Thema des Zwangsgedanken an sich zu tun haben:

  • die Angst einen Fehler zu machen
  • die Sorge so wie man ist falsch zu sein und das damit verbundenen Gefühl der Scham
  • das Gefühl von Kontrolllosigkeit und dem Gefühl der Einsamkeit und Isolation

Das alles sind Dinge, die wir kennen – uns aber verboten haben.

Es sind menschliche Gefühle. Und Zwänge wollen uns genau darauf wieder aufmerksam machen, dass wir sie fühlen und vor allem haben dürfen. Wenn wir genau diese Gefühle, wie z.B. die Angst einen Fehler zu machen so massiv abspalten, dass uns ein Zwangsgedanke wieder darauf aufmerksam machen möchte, ist ein Zwangsgedanke eigentlich dein Freund und Helfer.

Ein Erzieher würde nicht so stark mit Zwangsgedanken reagieren, wenn er sich erlauben würde Fehler machen zu dürfen und einfach akzeptieren würde, dass es zum Menschsein dazu gehört. Genauso wie die Angst vorm Alleinsein oder das Gefühl der Scham.

Nicht verharmlosen, sondern nicht mehr übertreiben

Damit möchte ich nicht sagen „Oh du glaubst du bist aggressiv und böse– lass uns das mal verharmlosen!“ Mir geht es hier wirklich um das Extrem des Zwangsgedanken von Menschen, die wissen, dass sie niemand etwas antun würden, aber ihr Gedanken ihnen etwas anderes sagt und sie somit verunsichern. Alle Menschen haben Gedanken mit absurden Inhalten doch nur eine Handvoll Menschen entwickeln Zwangsgedanken heraus. Und zufälligerweise sind es oft genau die Menschen, die eigentlich total gutmütig sind und schnell verunsichert sind.

Unterdrückte Wut = Wutbehaftete Zwangsgedanken?

Weitere Fallbeispiele habe ich dir im Zwangskompass-Onlinekurs aufgelistet. Unter anderem auch Wut.

Gerade bei Aggression und Wut ist das Ganze auch so ein Thema. Menschen mit aggressiven Zwangsgedanken ist das Gefühl der Aggression oft so fremd, dass sie es in einem Gedanken als gefährlich ansehen. Sie erschrecken sich vor dem Gedanken, weil es ihnen so fremd ist und sie es schon lange nicht mehr gespürt haben wütend zu sein. Menschen, die einfach nur mal vorstellen wie alles vor ihnen in die Luft geht und dann glückselig ihr Leben weiterleben, können das, weil sie in ihrem Leben die Qualität von Wut und Aggression in einem gesunden Maße bereits ausleben – bspw. durch Grenzen setzen, selbstbewusst sein, sich nicht für alle verantwortlich zu sehen und indem sie zu sich stehen. Sie erlauben sich einfach wütend zu sein.

Wenn also ein gewisses Thema in Zwängen oder Ängsten dich verfolgt lohnt es sich dir diese mal genauer anzuschauen und zu forschen. Das Gefühl oder die Stimmung dahinter – sind das Dinge, die du dir in deinem Leben erlauben kannst?

In dieser Basicreihe hast du kleine Auszüge aus meinem Onlinekurs: Der Zwangskompass bekommen, in dem ich dir weitere Richtungen und Erklärungen für Zwänge gebe – untermauert mit Theorien aus der (Neuro-)Psychologie, Fallbeispielen und Übungen. Der Kompass soll dich unterstützen und zeigen, was dir deine Zwänge und Zwangsgedanken wirklich sagen wollen:

Ich bin keine ausgebildete Therapeutin und mein Content stellt auch keinen Ersatz für eine Therapie oder medizinische Beratung dar, sondern soll nur helfen eine erste Orientierung oder neue Blickwinkel zu bekommen. Wenn du Unterstützung brauchst, habe ich dir hier ein paar Anlaufstellen und Content, der mir geholfen hat und hilft, zusammengestellt.

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