Von dem Geschenk der Einsamkeit und dem Alleinsein nach einer Trennung

Wenn pläne anders laufen wie erwartet

Heute ist Feiertag. Ich hatte andere Pläne übers Wochenende, die abgesagt wurden. Dieser Moment, an dem ich bei Freunden an einem Feiertag nicht aufdrängen möchte, ist mir schon vertaut. Deshalb habe ich selber versucht mir einen schönen Tag zu bescheren. Ich habe es mir bis halb 12 mit  „Full House“ auf Netflix gemütlich gemacht und dann mehr oder minder motiviert mit meiner Mutter gekocht (was bei dem Spargel, den wir im Kühlschrank gefunden haben meine Motivation zumindest auf ein etwas höheres Level gebracht hat). Jetzt bin ich spazieren. Versuche die Sonne zu genießen. Und doch überkommt mich eine große Traurigkeit. Neben all den anderen Menschen, die vorzugsweise laut lachend und in Grüppchen unterwegs sind,  werde ich an jedem Platz auf meiner Strecke heute nur an Momente und Personen erinnert, die mir in meinem Leben fehlen. Bei aller Mühe mit dem Fokus auf die positiven Dinge im Leben. Der leere Raum, den sie hinterlassen haben, ist auch mit einem positiven Fokus nicht immer komplett zu füllen. 

 

 

 

Wenn trennung notwendig ist und Trotzdem traurig Macht

 

Ich kenne es sehr gut von mir all die Dinge in meinem Leben, die ich so schätze, für einen kurzen Moment zu vergessen, wenn ich daran erinnert werde, was oder wer gerade nicht in meinem Leben ist. Welche Freundschaften beendet wurden. Welche Beziehungen auseinander gingen. Welche Wege sich getrennt haben. Und gerade an Feiertagen an denen scheinbar jeder mit seinen Liebsten Zeit verbringt, scheint der leere Raum sich immer mehr in meine Wahrnehmung zu drängen. Es ist einer dieser Momente, in denen ich verstehe, dass Beziehungen aus notwendigen Gründen beendet werden und sie einen trotzdem sehr lange traurig machen können. Ich bin nach der Trennung meiner ersten Beziehung beispielsweise durch die gefühlte Hölle gegangen, obwohl ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war.  Die richtige Entscheidung, obwohl ich in dem Menschen, den ich so in mein Herz geschlossen habe, damit nicht nur als Partner, sondern auch als Kumpel verloren habe. 

 

Ich habe es mir nicht erklären können.  Ständig dachte ich mit mir ist etwas falsch. Wie schon in der Beziehung habe ich mich gefragt, was ich noch an mir ändern muss, damit es endlich funktioniert. Und nach der Beziehung ging es weiter. Wieso kann ich nicht einfach drüber hinweg kommen? Wieso fühle ich mich einsam obwohl ich weiß, dass die Trennung das richtige war? Was stimmt mit mir nicht, dass es mich noch nach einigen Monaten mitnimmt? Das ist der Punkt an dem ich lernen durfte, dass solche Fragen nicht mit dem Kopf zu beantworten sind . Es wird niemals eine Antwort auf die Frage "Was stimmt mit mir nicht?" geben, die sich für mich gut anfühlen und mir helfen wird. 

 

Warum?

Weil jede Antwort, die ich darauf finden würde, mir suggeriert, dass tatsächlich etwas mit mir falsch ist. Und das ist das Geschenk, dass ich in dieser so traurigen Situation auspacken durfte. Dass jede Vorstellung und Überzeugung, die ich von mir habe, dass etwas falsch mit mir ist, endlich als Lüge zu entlarven. Die Wahrheit ist, es ist alles richtig mit mir. Alles. Immer. Und bedingungslos. Ich weiß nicht welche Erkenntnis mehr Frieden in ein Leben bringen kann, wie "Ich bin richtig. Ich darf so sein wie ich bin."

 

 

Warum jede Begegnung ein Geschenk ist

Begegnungen können so radikal sein. So radikal, weil sie alle Grenzen zeigen, die wir Menschen in uns tragen. Sie zeigen dir, dass du dir mit einem Gegenüber andere Horizonte erträumst und andere Pfade glaubst besteigen zu könne, wie es derjenige dann tatsächlich tut. Und was für dich der gleiche Berg, der gleiche Aufstieg in einer Begegnung war, ist für dein Gegenüber alles, nur nicht das, was dieser sich mit dir vorgestellt hat. ­Und dann bleiben wir zurück. Gehen den Aufstieg alleine. Voller Zweifel. Manchmal aber auch mit mehr Klarheit denn je. 

 

Begegnungen birken Geschenke in sich. Geschenke, die wir auf den ersten Blick manchmal nicht auspacken wollen, weil wir glauben an der Form bereits zu erkennen, dass sie nicht zu unserem Leben passen. Bis wir schließlich keine Chance haben die Schleife zu lösen und das Papier vorsichtig und zart davon zu entzerren, in das es eingewickelt ist. Um schließlich zu erkennen, dass eigentlich nur unsere Vorstellung, dass das Geschenk unpassend ist, falsch ist. Sondern unsere Vorstellung davon , wer wir sind und was zu uns passt, nicht stimmt. Wir die Vorstellung hinterfragen dürfen, was wir glauben zu sein und was wir glauben zu brauchen.

 


Was habe ich da eigentlich unterschrieben?

Die letzten Monate habe ich mir sehr oft die Frage gestellt welchen Vertrag meine Seele sich vor diesem Leben ausgesucht und unterschrieben hat. Und vor allem ob sie vielleicht vergessen hat das Kleingedruckte zu lesen bei dem was mir gerade manchmal um die Ohren fliegt. Das kann sie sich doch niemals freiwillig ausgesucht haben? Was soll das für eine Lernaufgabe sein sich auch bei anderen Menschen ständig einsam zu fühlen? Ich habe mir das Geschenk, was mir mit dieser Beziehung und den Gefühlen der Einsamkeit danach gebracht wurde, endlich angeschaut und es aufgemacht: 

 

Das Problem an der Sache ist nicht, dass jemand nicht den Weg mit dir weitergehen möchte. Und das Problem ist auch nicht, dass du keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage findest, was denn nicht mit dir stimmt. Das Problem und zeitgleich das Geschenk ist zu erkennen, dass du dich immer noch ablehnst und dir selber nicht gut genug bist. 

 

Wenn auch du gerade glaubst von allen Menschen verlassen und allein gelassen zu werden, von denen du viel hältst, freu dich. Das ist das Geschenk. Die Dinge würden nicht so spielen, wenn du selber von dir viel halten würdest. Wenn du dir selber wichtig und wertvoll wärst. Sie zwingen dich dazu endlich selber glücklich zu werden und von Anfang an in einer Begegnung zu zeigen, wer du bist und was dir wichtig ist. Sie hilft dir deine eigene Klarheit, Freude und Leichtigkeit zu finden. Es ist das schönste was dir die Menschen schenken können, die nicht weiter mit dir gehen wollen. Lernen selber glücklich zu werden und dir selber genug zu sein. Mit allen Gefühlen, Zweifeln und Unsicherheiten. Und mit allen Leidenschaften und Talente, die noch in dir stecken. Sie wollen raus in diese Welt. Lerne endlich dir das wert zu sein. Dann kommen automatisch die Menschen in dein Leben, denen du es wert bist den Weg gemeinsam zu gehen.

 

 

Woanders essen und lachen wir eh schon zusammen

Ich liebe die Vorstellung, dass wir auf einer anderen Ebene eh mit allen Menschen unseres Lebens friedvoll auf Augenhöhe zusammensitzen. Wir uns an einem großen Tisch mit einem wundervollen Mahl und voller Lachen gegenübersitzen. Und wir genau in dieser Konstellation uns gerade in diesem Leben beobachten und mit einem Schmunzeln die Krisen und Reaktionen betrachten, die wir uns gegenseitig antun und ineinander auslösen. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Menschen, die mir wichtig sind und auch die, die ich gar nicht ab kann, mit mir dort sitzen und mein Leben anschauen, als wäre es ein Film, in dem jeder seine Rolle spielt. Bei dem jeder schmunzelt und sein Kommentar dazu abgibt, wenn er vor auf dem Bildschirm auftaucht: Wenn deine alten Schulkameraden sagen: „Oh Gott schau – da habe ich dich fertiggemacht“ „Ja stimmt, das hast du mich dazu gebracht endlich für mich einzustehen.“ Oder dein Ex-Freund sich schauspielern sieht und sagt: „Ah schau mal – da habe ich dir das Herz gebrochen.“ „Ja stimmt – ich erinnere mich. Wahnsinnig, als ich endlich erfahren durfte wie viel Liebe in mir fließen kann und das bedingungslos vom Handeln des Gegenübers sein kann."  Oder dein Boss in die Kamera deines Lebens grinst:  „Oh krass und da habe ich dir eine neue Möglichkeit geschenkt auf deinem beruflichen Weg.“ „Oh ja – du weißt gar nicht, was das in mir ausgelöst hat voller Freude und Erleichterung endlich meine Berufung leben zu können.“ Diese Vorstellung löst so viel Frieden und Ruhe in mir aus, gerade dann, wenn ich in meiner inneren Welt kaum Frieden finden kann.

 

 


Warum Einsamkeit uns letztendlich verbindet

Ich bin überzeugt davon, dass wir das alle kennen – diese Einsamkeit und das Gefühl keinen Platz auf der Welt zu haben. Und genauso bin ich davon überzeugt, dass es das ist, was uns eigentlich verbindet. Uns motiviert Dinge anzugehen, die wir ohne diesen Schmerz nicht tun würden. Und es sie ist, die uns Erfahrungen schenkt, an die wir noch Jahre später denken werden.

 

Und ich sitze jetzt hier an diesem Bach. Gegenüber von der Bank, an der wir saßen. Sehe Menschen dort entlanglaufen, die ausgelassen lachen und sich fröhlich anschauen. Und was wie ein schlechte und kitschige Dramaverfilmung klingt, lässt mich eigentlich nur ein weiteres Mal meine Traurigkeit spüren, die ich mittlerweile schon wie einen alten Freund begrüßen kann.

 

Und zeitgleich fühle ich so viel Dankbarkeit.

  •  Dankbarkeit, weil ich so viel gelernt habe, weil besagte Person nicht hier bist.
  • Dankbarkeit, weil sie nicht das getan hast, was ich mir von ihr gewünscht habe und lernen durfte mir das alles selber zu geben.
  • Dankbarkeit, weil ich mich trotz der Traurigkeit und den sentimentalen Phasen, endlich selber in meinem kompletten Wert spüren und wahrnehmen kann. Mich vollständig fühle. Ohne eine Nachricht von jemand anderem. Ohne ein Kompliment. Ohne eine Aufmunterung.
  • Dankbarkeit, weil ich endlich Entscheidungen treffen kann, ohne sie mir von jemand bestätigen zu lassen. 

 

Ich tue endlich was ich liebe. Und ich liebe es endlich für mich selber sorgen zu können. Ich habe das Geschenk ausgepackt. Ich bin dankbar, dass mir das Paket vor die Tür geworfen wurde. Ein Paket, worauf ich gar keine Lust hatte. Und ich danke gerade mir, dass ich es trotzdem zaghaft ins Haus geholt habe und endlich ausgepackt habe. Danke Hannah, dass du nicht nur das Geschenk, sondern auch dich und deinen Wert endlich aus der viel zu festen Verpackung und dem viel zu groben Papier ausgewickelt hast.  Ich habe für mich entscheiden, dass sich Freiheit genau so für mich anfühlen soll. 

 

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